Vom Streber zum visuellen Denker

Es gibt Momente, in denen ich mich frage, was von der Schulzeit eigentlich bleibt. Nicht die Jahreszahlen aus dem Geschichtsunterricht. Nicht die Gedichte, die wir auswendig lernen mussten – die habe ich eh nie beherrscht. Nicht mal die Mathehausaufgaben, die ich so oft vergessen habe.

Was bleibt, sind zwei Dinge, die damals niemand für wichtig hielt. Zwei Dinge, die mich mehr geprägt haben als jede Klassenarbeit.

Das eine war Höflichkeit. Das andere war meine Art zu denken.

Das Wichtigste in Kürze

Die Erinnerung: Zwei prägende Momente aus der Grundschule – einer sozial, einer kognitiv.

Die Höflichkeit: Als „Streber“ abgestempelt, nur weil ich alle begrüßt habe. Heute weiß ich: Es war kein Fehler.

Die Mengenlehre: Meine einzige Eins in Mathe – in einem Fach, das als gescheitertes Experiment gilt. Für mich war es die Entdeckung meines Betriebssystems.

Was bleibt: Beides prägt mich bis heute – im Umgang mit Menschen und im Umgang mit Informationen.

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Höflichkeit – oder: Warum der „Streber“ einfach nur nett war

Ich erinnere mich noch gut an den Flur meiner Grundschule. Morgens um halb acht. Ranzen auf dem Rücken, viel zu groß für meinen kleinen Körper. Und ich war der Typ, der alle grüßte.

Guten Morgen. Hallo. Wie geht’s? Guten Tag. Einfach so, automatisch. Ich hielt auch Leuten die Tür auf, wenn sie durch den Flur oder in einen Raum wollten, wo ich gerade stand.

Klingt harmlos, oder?

War es aber nicht immer. Manche Mitschüler fanden das doof. Andere bezeichneten mich schon in jungen Jahren als „Streber“ – nicht, weil ich gute Noten hatte (dazu gleich mehr), sondern einfach, weil ich höflich war.

Ich weiß bis heute nicht genau, wo ich das herhatte. Wenn ich an mein Elternhaus denke, waren die Grundformen des guten Benehmens nicht unbedingt bei uns an der Tagesordnung. Vielleicht war es mir in die Wiege gelegt. Vielleicht hatte ich es irgendwo aufgeschnappt. Vielleicht war es auch einfach nur eine Art, mich in einer Welt zurechtzufinden, die ich noch nicht ganz verstand.

Aber ich weiß, warum ich mich gerade heute – Jahrzehnte später – daran erinnere: Weil mir auffällt, dass es manchmal einfach netter ist, wenn man jemandem die Tageszeit sagt. Wenn man die Tür aufhält. Wenn man „Danke“ sagt, ohne darüber nachzudenken.

Nicht, weil man ein Streber ist. Nicht, weil man sich anbiedern will. Sondern weil es einfach… angenehmer ist. Für alle Beteiligten. Für mich selbst.

Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion, die ich aus der Grundschule mitgenommen habe: Dass Höflichkeit keine Schwäche ist. Dass sie keine Anbiederung ist. Dass sie einfach nur eine Form von Respekt ist – für andere, aber auch für sich selbst.

Kein guter Schüler – aber ein visueller Denker

Ich war nie das, was man einen guten Schüler nennen würde. Das lag nicht daran, dass ich faul war – auch wenn meine Lehrer das manchmal anders gesehen haben. Es lag einfach daran, dass ich ein gewisses Desinteresse an gewissen Themen hatte, die man mir beibringen wollte.

Die einzige Eins in Mathematik hatte ich tatsächlich damals in der Grundschule. Aber – und das ist die Pointe – es ging gar nicht um Mathematik im klassischen Sinn. Es ging um die so genannte Mengenlehre.

Exkurs: Das Experiment „Mengenlehre“ der 70er Jahre

Was heute für viele wie ein verstaubtes Relikt aus der Schulzeit klingt, war in den 1970er Jahren eine bildungspolitische Revolution. Unter dem Schlagwort „Neue Mathematik“ wurde versucht, das starre Rechnen durch logisches, strukturelles Denken zu ersetzen [1].

Der Kern: Kinder sollten nicht nur Zahlen addieren, sondern Mengen (A) und Teilmengen (B) visuell erfassen und logisch verknüpfen. Vereinigungsmenge, Schnittmenge, Differenzmenge – alles dargestellt in Kreisen, die sich überschnitten oder nicht [2].

Das Schicksal: Am 3. Oktober 1968 beschloss die westdeutsche Kultusministerkonferenz die Modernisierung. Doch schon 1974 fragte der SPIEGEL: „Macht Mengenlehre krank?“ Die Proteste von Eltern und Lehrkräften waren massiv. 1984 befahl NRW-Kultusminister Hans Schwier den Verzicht auf Mengen-Sprache und -Symbole. Das Ende [3].

Das Erbe: Auch wenn die Mengenlehre aus den Grundschul-Lehrplänen fast verschwunden ist, bildet sie bis heute das fundamentale Rückgrat der modernen Informatik und Datenbankstrukturierung. Jede SQL-Abfrage, jede Programmierlogik, jede If-Then-Else-Schleife basiert auf genau diesen Prinzipien [4].

Für mich persönlich war dieses „Experiment“ kein Scheitern. Es war die Entdeckung meines eigenen Betriebssystems: Informationen nicht als nackte Zahlen zu verarbeiten, sondern als visuelle, logisch verknüpfte Mengen in meinem Kopf zu sortieren.

Visuelle Anker – oder: Wie ich mir die Welt merke

Das war etwas, was ich aufgrund von bildlichen Darstellungen relativ gut in meinem Kopf sortieren konnte. Kreise, Schnittmengen, Überschneidungen – das ergab für mich Sinn. Ich konnte es sehen. Und genau das macht mich bis heute aus.

Ich merke mir gewissen Blödsinn, wie ich es immer mal nenne, einfach so. Meistens ist es irgendein visueller Anker, der sich in meinem Kopf festhält. Ein Bild. Eine räumliche Anordnung. Eine Farbe. Ein Muster.

Und im nächsten Moment – oder auch viel später – wenn dieser Anker dann quasi angetippt wird, fällt mir wieder ein, wo ich (keine Ahnung) den Werkzeugschlüssel, die Tasse oder auch einfach ein Bauteil gesehen habe.

Und ich kann zuordnen: Wofür ist es? Wo gehört es hin? Warum braucht man es? In welchem Kontext habe ich es zuletzt gesehen?

Hört sich vielleicht doof an. Hat wohl auch nichts wirklich mit einem fotografischen Gedächtnis zu tun – das habe ich definitiv nicht. Es ist halt einfach meine Art der Merkfähigkeit. Meine Art, die Welt zu sortieren.

Und vielleicht ist das die zweite wichtige Lektion aus der Schulzeit: Dass nicht jeder auf die gleiche Art lernt. Dass nicht jeder gut in Mathe ist, nur weil er Formeln auswendig lernen kann. Dass es verschiedene Arten gibt, klug zu sein.

Was bleibt – und warum es wichtig ist

Zwei Dinge aus meiner Jugend, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Höflichkeit, die mich zum „Streber“ machte. Visuelles Denken, das mir nur bei einem gescheiterten Schul-Experiment half.

Aber wenn ich heute darüber nachdenke, haben beide mehr gemeinsam, als ich damals dachte.

Beides sind Formen, die Welt zu verstehen. Die Höflichkeit war meine Art, mit Menschen umzugehen – auch wenn ich nicht immer verstand, warum andere das seltsam fanden. Die visuellen Anker waren meine Art, mit Informationen umzugehen – auch wenn die Schule das nicht als „gute Note“ anerkannte.

Beides hat mich geprägt. Das eine im Umgang mit Menschen. Das andere im Umgang mit… allem anderen. Mit Daten. Mit Strukturen. Mit der Frage, wo ich verdammt nochmal den Schraubenschlüssel hingelegt habe.

Und beide zeigen etwas, das ich erst Jahre später verstanden habe: Was in der Grundschule anfängt, kann ein Leben lang bleiben. Manchmal zum Vorteil. Manchmal zum Nachteil. Aber meistens einfach… als Teil von dem, was man ist.

Die Höflichkeit ist geblieben. Nicht, weil ich ein Streber sein will, sondern weil ich gelernt habe, dass es einfach besser ist. Für mich. Für andere. Für das Miteinander.

Die visuellen Anker sind geblieben. Nicht, weil ich ein fotografisches Gedächtnis habe, sondern weil mein Gehirn nun mal so funktioniert. Weil ich Dinge besser verstehe, wenn ich sie sehen kann. Weil Kreise und Schnittmengen für mich mehr Sinn ergeben als Formeln.

Die Lektion

Wenn ich etwas aus diesen beiden Geschichten gelernt habe, dann das: Dass es nicht darauf ankommt, was die Schule dir beibringen will. Es kommt darauf an, was du mitnimmst.

Dass du nicht der beste Schüler sein musst, um etwas zu lernen. Dass du nicht die besten Noten haben musst, um klug zu sein. Dass du nicht cool sein musst, um richtig zu handeln.

Und dass manchmal die Dinge, die dich in der Grundschule zum Außenseiter machen – sei es Höflichkeit oder visuelles Denken – genau die Dinge sind, die dich später zu dem machen, der du bist.

Der „Streber“, der alle begrüßt? Der bin ich heute noch. Und ich bin stolz darauf.

Der visuelle Denker, der sich Bilder besser merken kann als Formeln? Der bin ich heute noch. Und ich nutze es jeden Tag.

Beides zusammen – das bin ich. Und beides kam aus einer Zeit, in der ich noch nicht wusste, wer ich bin.

Und du?

Erinnerst du dich an Dinge aus deiner Schulzeit, die dich bis heute prägen? Warst du auch der „Streber“, der alle gegrüßt hat? Oder der visuelle Denker, der sich Bilder besser merken konnte als Formeln? Oder etwas ganz anderes, das dich zu dem gemacht hat, der du heute bist?

Lass es mich in den Kommentaren wissen – ich bin gespannt auf deine Geschichten!

Danke, dass du dabei bist. Bis zum nächsten Beitrag.


Quellen

[1] Wikipedia – Neue Mathematik
Unter der Bezeichnung „Neue Mathematik“ wurde in den 1960er und 1970er Jahren in vielen Ländern der schulische Mathematikunterricht reformiert. An Stelle des traditionellen Rechenunterrichts sollte Mathematik als Beschäftigung mit abstrakten Strukturen gelehrt werden. Ziel: Neben Rechenfertigkeiten auch logisches Denken und Abstraktionsvermögen fördern.
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Mathematik
Land: DE

[2] Mathlog (ScienceBlogs) – Historische Darstellung einer gescheiterten Unterrichtsreform
Dissertation Uni Hildesheim 2018: Die Mengenlehre sei als gescheitert anzusehen. Änderungen waren zu umfassend – Ablösung des Faches „Rechnen“ durch „Mathematik“. Schulbücher bunt, fremde Symbole statt Zahlen. Bei Eltern echte Ängste, Kind würde Lebenswichtiges nicht lernen. Gesellschaft vom Umfang der Neuerungen überfordert.
URL: https://scienceblogs.de/mathlog/2020/07/13/historische-darstellung-einer-gescheiterten-unterrichtsreform/
Land: DE | Stand: 13. Juli 2020

[3] HNF Blog – Das war die neue Mathematik
3. Oktober 1968: Kultusministerkonferenz beschließt Modernisierung. 1974: SPIEGEL fragt „Macht Mengenlehre krank?“ Hausaufgabenverbote in NRW und Baden-Württemberg. 1984: NRW-Kultusminister Hans Schwier befahl Grundschulen Verzicht auf Mengen-Sprache. Ende der Grundschul-Mengenlehre. In Uni Bonn als „Kartoffelkunde“ verspottet.
URL: https://blog.hnf.de/das-war-die-neue-mathematik/
Land: DE

[4] Superprof – Mathe Lernen in Deutschland: Eine kurze Reise in die Moderne Geschichte
Zu Beginn der 70er: Konzept „Neue Mathematik“ fand Weg zu Schülern. Proteste von Lehrern und Eltern – fühlten sich überfordert, konnten Kindern nicht mehr helfen. Extreme Auswüchse zurückgenommen. Geblieben: kreative Elemente, entdeckendes Lernen. Mengenlehre heute Hilfsmittel für Boolsche Algebra, Gruppentheorie, Wahrscheinlichkeitsrechnung.
URL: https://www.superprof.de/blog/mathematik-lernen-entwicklung/
Land: DE

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