Industrie-Kathedrale in Luxemburg
Im November waren wir in Luxemburg zur Party bei einer Freundin und zu Besuch bei unseren Circus-Freunden. Ein Highlight war der Ausflug zu den Hochöfen von Belval – diese gigantischen Stahlmonster, die seit 1997 stillstehen und heute das Wahrzeichen eines komplett neuen Stadtteils sind.
Die Hochöfen von Belval befinden sich im ehemaligen Industriegebiet in Esch-sur-Alzette und waren von 1911 bis 1997 aktiv. Die zwei erhaltenen Hochöfen A und B sind seit 2000 als Industriedenkmale geschützt – nationales Monument Luxemburgs.
82 Meter Stahlgeschichte
Wenn man sich den Hochöfen nähert, wird einem die Dimension erst richtig klar. Hochofen A ist 82 Meter hoch, Hochofen B sogar 90 Meter. Diese Giganten stehen inmitten eines hypermodernen Stadtviertels – ein Kontrast, der fasziniert.
1965 wurde Hochofen A in Betrieb genommen mit einer Tageskapazität von 2.300 Tonnen Roheisen. 1970 folgte Hochofen B mit 3.000 Tonnen täglich. 1973 arbeiteten 7.000 Menschen in Belval. Dann kam der Niedergang: 1997 wurde mit der Stilllegung des Hochofens B die Roheisenproduktion in ganz Luxemburg beendet.
Ein dritter Hochofen wurde 1996 nach China verkauft – komplett abgebaut und an die Kunming Iron & Steel Group geschickt. Die beiden verbliebenen Hochöfen A und B sollten eigentlich auch verschwinden. Doch dann kam die Idee: Warum nicht bewahren statt abreißen?
Von der Industriebrache zur Cité des Sciences
Auf 120 Hektar ehemaliger Industriebrache entstand ein komplett neues Stadtviertel. Wohnungen, Büros, das Einkaufszentrum Belval Plaza, die Rockhal als Konzerthalle – und mittendrin die Universität Luxemburg mit dem Campus Cité des Sciences.
Die Hochöfen wurden nicht musealisiert, sondern ins moderne Leben integriert. Sie sollten als „Kathedrale“ des neuen Gebiets wirken – identitätsstiftende Industriedenkmale, die an die wirtschaftliche Bedeutung der Eisen- und Stahlindustrie erinnern.
Hochofen A ist heute begehbar. Über ein neues Treppenhaus mit Aufzug, Rampen und Stege führt ein Rundgang durch das Monument. Auf knapp 400 Quadratmetern wird die Funktionsweise des Hochofens mit digitalen und interaktiven Installationen dokumentiert. Hochofen B blieb nur als Hülle erhalten – beeindruckend genug.
Zwischen alt und neu
Was mich faszinierte: Dieser Mix aus Vergangenheit und Zukunft. Studenten strömen aus modernen Universitätsgebäuden, im Hintergrund ragen die rostigen Stahlriesen auf. Familien flanieren zwischen Cafés und Shops, über ihnen thronen die Hochöfen wie stille Wächter.
Die Möllerei – das Gebäude, in dem früher das Eisenerz vorbereitet wurde – ist heute eine Bibliothek und Veranstaltungshalle. Die alten Industriefenster wurden erneuert, das authentische Erscheinungsbild blieb erhalten. Man sitzt zum Lernen oder Lesen dort, wo früher 3.000 Menschen täglich Stahl produzierten.
Wir spazierten durch das Viertel, schauten nach oben zu den Hochöfen, entdeckten Details: Die Gichtgasleitungen, die Winderhitzer, die alten Gerüste. Jedes Teil erzählt Geschichte. Von harter Arbeit, von Wohlstand, von Niedergang – und vom mutigen Entschluss, nicht alles platt zu machen, sondern zu bewahren.
Industriegeschichte zum Anfassen
Luxemburg hatte 1913 weltweit den sechsten Rang in der Roheisenproduktion und den siebten in der Stahlproduktion. Ein winziges Land als Industriegigant – unfassbar aus heutiger Sicht. Das Werk in Belval galt seinerzeit als modernstes in Europa. Sechs Hochöfen, ein Stahlwerk, mehrere Walzstraßen – gebaut ab 1909 von der Gelsenkirchener Bergwerks-AG.
Heute steht nur noch das Walzwerk von ArcelorMittal in Betrieb – auf dem östlichen Teil des Geländes wird immer noch Stahl produziert, hauptsächlich für Spundwände. Die restlichen 120 Hektar sind Zukunft: Wohnen, Arbeiten, Forschen, Leben.
Ein Besuch lohnt sich
Die Hochöfen kann man in den Sommermonaten besteigen – der Ausblick soll spektakulär sein. Wir waren im November dort, da war der Zugang geschlossen. Aber auch von unten sind die Dimensionen beeindruckend genug.
Besonders schön: Das Viertel ist lebendig. Keine sterile Museumslandschaft, sondern echtes urbanes Leben. Studenten auf Bänken, Kinder auf Spielplätzen, Menschen in Cafés. Die Hochöfen sind Teil des Alltags geworden – statt eines abgesperrten Denkmals sind sie lebendige Erinnerung.
Für uns war es ein perfekter Ausflug zwischen Party und Circus-Besuch. Luxemburg überrascht immer wieder – erst recht, wenn man die Hauptstadt verlässt und ins industrielle Herz des Landes fährt.
Hochöfen von Belval: Place de l’Académie, 4361 Esch-Belval. Mehr Infos gibt’s auf der offiziellen Tourismus-Seite, auf Wikipedia oder bei der Bauwelt.
Auf YouTube habe ich ein Video, mit allen Bilder hochgeladen.

