Das Abenteuer mit Lufthansa-Chaos
Mein 60. Geburtstag sollte nicht zu Hause gefeiert werden. Wir machten einfach eine Birthday Woche daraus. Mit Sascha. Mit Kamera. Und mit dem Vertrauen, dass es irgendwie schiefgehen wird – aber auch irgendwie gut. Wie es dann tatsächlich gelaufen ist? Chaotisch, lustig, stressig und absolut lebendig. Hier ist die ganze Geschichte.
Das Wichtigste in Kürze
- Reiseverlauf: Frankfurt → (Lufthansa-Streik!) → Helsinki → Riga, 8 Tage voller Abenteuer
- Highlight: Art Nouveau Architektur, Bootstour durch Riga, Geburtstagsdinner im Milda
- Nervenkitzel: Flug annulliert, kurzfristig umgebucht, extra Urlaubstag gewonnen
- Erfahrung: Riga ist ruhig, Bolt funktioniert besser als Taxis, und Gelassenheit ist das beste Reisemedium
- Erkenntnis: Mit 60 reist es sich genauso wie mit 30 – nur mit besseren Restaurants
Tag 1: Frankfurt ankommen – und die erste Bombe
11. April, kurz vor Mittag. Sascha und ich sind in Frankfurt. Erst der Plan: entspannen und bummeln.
Die Zeil ist bumsvoll, wir bummeln bisschen, anschließend ein kleiner Abstecher in die Kleinmarkthalle. Zur Stärkung eine leckere Frikadelle auf die Hand.
Das Wetter spielt mit – 21 Grad, Sonnenschein, es ist Frühling in der Stadt.
Es geht weiter mit unserem Spaziergang über die Oper und Bockenheimer Landstrasse zum Palmengarten. Den Rest des Nachmittags verbringen wir sehr entspannt im Palmengarten. Der Eintritt hat sich gelohnt uns es gab einiges zu sehen.
Abends treffen wir Michael, einen guten alten Freund. Wir fahren ins Mexikanisches Restaurant El Pacifico nach Bornheim. Gutes Bier und leckere Cocktails, die besten Gespräche. Normalfall also.
Aber dann: „Hast du mitbekommen? Die Lufthansa-Piloten streiken ab morgen.“ Mein erster Gedanke: „Okay, das kann interessant werden.“ Mein zweiter: „Aufregen bringt nichts, das kann ich eh nicht ändern.“ Sascha sieht es ein bisschen anders. Wir trinken noch einen. Ein super Urlaubsstart.
Tag 2: Helsinki als Überraschung
Nacht auf Freitag. Wir schlafen wie die Babys. Dann, um halb 7 Uhr, die nächste Nachricht von der Lufthansa: Umbuchung. Nicht direkt Riga. Sondern Frankfurt → Helsinki → Riga. Zwei Flugnummern, weil ein Pilot-Streik alles durcheinander wirft.
Erst dachte ich: „Warum zwei Flugnummern?“ Dann realisierte ich: Helsinki ist Zwischenstation. Suprise, Suprise – das wird noch spannend.
Frankfurt ist groß, und an diesem Sonntag nutzen wir die Zeit: Filmmuseum mit Wim-Wenders-Ausstellung, dann das Caricatura Museum – Perscheid und seine Karikaturen sind großartig.
Die Stadt hat sich verändert seit ich sie verlassen habe. 26 Jahre sind eine lange Zeit. Ich bräuchte mindestens zwei Wochen Zeit um alle alten Bekannten mal wieder zu sehen. Aber so ist es im Leben – man kann nicht überall gleichzeitig sein.
Abendessen mit Freunden im Frankfurter Norden. Schöne Gespräche und schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen. Nachts umpacken, damit wir nicht ohne frische Unterwäsche in Riga landen. Kleine Details bei einer Reise, die den Unterschied machen.
Tag 3: Das Helsinki-Abenteuer
Samstag morgen. Terminal 2, Finnair-Crew sagt uns zu: Ihr kommt mit. Fein! 45 Minuten Umsteigezeit in Helsinki. Nicht viel, aber wir sind entspannt. Aufregen bringt nichts.
Die Boeing 737-800 hebt um 12 Uhr ab. Gegen 15:20 Uhr landen wir in Helsinki – mit Verspätung. Wir haben 15 Minuten zum Aussteigen und Boarding nach Riga. Das ist wie Busfahren: Flugsteig 17 raus, Flugsteig 18 rein. Ich war entspannt, weil: Was soll ich denn sonst tun? Der Koffer? Ich sah, wie das Bodenpersonal ihn vom ersten Flieger zum zweiten brachte. Alles klar.
Wir waren in Helsinki, haben halt nur nichts davon gesehen. Läuft bei uns. Mit Air Baltic im A220-300 geht es weiter – und diesmal pünktlich. Nach 50 Minuten Touch Down in Riga.
Vom Flughafen ins Hotel mit Bolt. Preis okay, das Auto etwas in die Jahre gekommen. Die Stoßdämpfer und Kupplung hat die beste Zeit hinter sich. Aber, wir sind im Hotel gut angekommen.
Im Hotel: Reinigungsroboter in der Lobby, freundlicher Empfang, herrliches Zimmer im 7. Stock mit Blick auf die Düna (Daugava auf Lettisch). Erster Abendspaziergang, erstes Fischrestaurant – Zivju Lete. Einfache Einrichtung, gigantische Küche. Das merken wir uns. Meinen 30. hatte ich 1996 in San Francisco gefeiert. Meinen 60. in Riga. Das Leben macht seine eigenen Pläne und das genieße ich.
Tag 4: Riga offenbart sich
Seit 7 Uhr wach. Sehr gutes Frühstück im Hotel. Kleine Stadtrunde auf eigene Faust. Aussicht über die Stadt von der Petri Kirche aus. Das Gute, der Kirchturm hat einen Aufzug, somit keine endlosen Treppen. 72m bis zur Aussichtsplattform wären anstrengend gewesen.
Die Bremer Stadtmusikanten sind direkt links neben der Kirche – hatten wir schon gestern entdeckt. Die Skulptur wurde 1990 als Geschenk der Stadt Bremen an die Partnerstadt Riga übergeben und aufgestellt. Sie ist eine von Christa Baumgärtel geschaffene Interpretation einer 1953 von Gerhard Marcks hergestellten und vor dem Bremer Rathaus stehenden Skulptur.
Dann eine Riga Free Tour mit Sophia. Riga ab 1201 bis heute. Zweimal hat die Stadt und das Land die Unabhängigkeit gefeiert, zweimal Krieg, und jetzt das, was es ist. Die Stadt hat Geschichte, und diese Geschichte ist in den Steinen sichtbar. Wir danken mit großzügigem Trinkgeld, für eine spannende Tour von 2 1/2 Stunden.
Mit einem weiteren Bummel hatten wir bis zum Ende 15 km Spaziergang geschafft. Powernap im Hotel. Mit E-Scootern zum größten Lido der Stadt – 12 Euro für zwei Fahrten. Einen Bolt hätte es für 5 Euro gegeben. Die Rückfahrt ist klar: Bolt. Ich esse Kohlrouladen, super lecker, schmaler Preis. Wann habe ich meine letzte Kohlroulade gegessen? Keine Ahnung. Aber sie schmeckten wie Heimat.
Zurück mit Bolt (5 Euro). Unser Fahrer hatte mit seinem Auto 325.000 km auf der Uhr – für einen Opel Astra eine gute Leistung.
Generell: Mit Bolt regelt sich hier. Kaum Taxis, die haben wohl auch gestreikt. Bolt ist überall – Autos, Scooter, Bikes – alles hat gekennzeichnete Stellplätze. Kein Chaos auf den Gehwegen. Ganz ehrlich: Geht doch.
Im Hotel noch einen Schlummertrunk in der Bar. 59 Jahre endet in weniger als zwei Stunden. Ich habe nachgedacht, einen Beitrag geschrieben und veröffentlicht. Morgen ist ein neuer Tag und es wird ein guter Tag.
Tag 5: Der Geburtstag – und Riga offenbart seine Schönheit
Frühstück. Glückwünsche von überall. Ein tolles Gefühl, den Geburtstag fern von zu Hause zu feiern – genau das wollte ich.
Ausflug ins Art Nouveau Viertel. 750 Gebäude mit unterschiedlichsten Fassaden. UNESCO-Weltkulturerbe seit 1997. Die Architektur ist imposant – rationale Linien, nationalromantische Details. Jedes Haus erzählt seine eigene Geschichte. Ich fotografiere, was ich sehe. Aber nicht alle 750 Gebäude, das wäre wohl eine etwas größere Aufgabe.
Dann: Bootstour durch die Kanäle und über die Düna. Kronvalda Park, Lettische Nationaloper, Freiheitsdenkmal, Vanšu Bridge. Jeder Ort hat eine Perspektive, die du vom Land aus nicht siehst. Das Wasser zeigt Riga anders. Einfach herrlich schön entspannt.
Mittagspause: Wir testen Riga Balm – 45 Prozent Alkoholgehalt, Kräuter, Blüten, Beeren. Traditionell lettisch, ungewöhnlich im Geschmack, aber genau das ist das Abenteuer.
Abendessen im Milda. Sascha hat reserviert – herzlich und zuvorkommend. Sehr fein angerichtet und sehr lecker. Ich esse Hering und Forelle. Alles schmeckt nach Zeit und Sorgfalt. Zu Recht von Michelin erwähnt.
Ein kleiner Herzschlagmoment: Sascha hatte die Reservierung in MESZ eingetragen, das iPhone hat die Zeitverschiebung zu EEST nicht berücksichtigt. Wir waren 40 Minuten zu spät. Der Kellner machte es spannend – gab uns dann aber den freien Tisch. So läuft es eben manchmal.
Viele Telefonate und Nachrichten zum Geburtstag. Ich habe mich riesig über jeden Anruf gefreut. Das ist das Netzwerk, das zählt.
Am Abend die Hiobsbotschaft: Flug nach Frankfurt wurde annulliert. Lufthansa-Piloten streiken weiter.
Tag 6: Der Geschenk-Tag
Noch nicht die Augen ganz offen (7:00 Uhr), die nächste Botschaft der Lufthansa. Flug am 18.04. ab 7:50 Uhr – oh da müssen wir aber früh aufstehen. Stopp. 18.04. es sollte am 17.04.2026 zurück gehen. Da müssen wir noch etwas organisieren.
Es soll mit AirBaltic zurückgehen.
Erst haben wir kein Aufgabegepäck und dann zuviel. Bekommen wir auch noch hin.
Hotline Lufthansa no chance. Hotline lastminute, wo wir gebucht haben. Auch keine Chance.
Reisestress am morgen.
Die Aufgaben:
– Neuen Flug bestätigen
– Zusätzliche Nacht im Hotel buchen
– Parkplatz verlängern
Machen wir jetzt selber alles und schauen was wir später geltend machen können. Ich lasse mir jetzt nicht den Tag dadurch verderben, meine Zeit mit ewigen Warteschleifen etc. zu verbringen.
10:00 Uhr – Alles organisiert, gefrühstückt und nun freuen wir uns über einen zusätzliche Urlaubstag in Riga.
Was macht man mit einem Geschenk-Tag? Für diesen Tag hatten wir noch Programm, morgen kommt was neues. Heute erst einmal eine Bibliothek anschauen.
Die Lettische Nationalbibliothek ist beeindruckend – 68 Meter hoch, 13 Stockwerke, 480 Mitarbeiter. Eröffnet 2014 nach einem Entwurf von Gunnar Birkerts. Ein Gebäude, in dem es sich lohnt zu verweilen. Auf das Dach konnten wir leider nicht gehen – Veranstaltungen in den oberen Etagen – aber auch so: großartig.
Mittags Zentralmarkt Riga. Frische Dumplings, leckeres Bier. Dann Bummel durch Stockmann. Zum Shoppen fehlt uns die Lust und gute Angebote. Was Solls, Shoppen können wir zu Hause.
Nachmittags Entspannung. Das Wetter war nicht ganz so fein, also eine gute Gelegenheit einmal das Hotel zu genießen. So machten wir es dann auch mit dem Abendessen im Hotel.
Tag 7: Der Zug und das Abenteuer
Was macht man mit einem Geschenk-Tag? Gemütliches Frühstück. Dann mit dem Zug zum Golf von Riga. Wunderschöner Strandspaziergang – ein paar Stunden am Meer sind immer fein.
Die Rückfahrt: Irgendwann im Zug viel Bewegung und wir verstehen nichts. Eine Frau spricht uns in Englisch an und erklärt, dass wir aussteigen müssen. Schienenersatzverkehr. Wir steigen in einen nicht mehr so frischen Bus und fahren zwei weitere Stationen. Keine Ansage. Bei der zweiten Station steigt die Hälfte der Leute aus, wir machen uns keine großen Gedanken. Der Bus fährt los, dreht in einem Wendehammer und kommt an der Station wieder zum stehen.
Plötzlich merken wir: Wir sind außerhalb der touristischen Zone. Hier spricht niemand Englisch. Der Busfahrer macht ein großes X mit seinem Arm – er fährt nicht nach Riga. Okay, verstanden. Wir gehen zum Bahnsteig, Bahn kommt, Tickets werden wieder aktiviert und weiter geht es nach Riga.
Warum man nahezu entspannt bleiben kann? Wir leben im digitalen Zeitalter, haben Taschencomputer in Form eines Smartphones dabei, und solange man nicht irgendwo in der Pampa ohne Telefonnetz sitzt, lässt sich immer eine Lösung finden.
Zurück in Riga: Kaffee trinken, eine Galerie mit Installation besuchen, Abendessen. Noch einen Schlummertrunk in der Bar. Packen. Morgen geht es nach Hause.
Tag 8: Heimfahrt – und zurück zur Realität
4:20 Uhr Wecker. 4:50 Uhr startklar. 5:15 Uhr Auschecken. 5:20 Uhr ab zum Flughafen. Der A220-300 startet pünktlich – aber die Landung in Frankfurt ist ruppig. Der Pilot hatte es wohl eilig. Eine Fast-Vollbremsung, und wir sind down. Hoffentlich hat das Flugzeug keinen Schaden genommen.
Der Shuttle-Service zum Parkhaus kommt auch schnell nach einem Anruf. Auch der Fahrer hat es eilig und wir sind ruckzuck am Parkhaus.
Mit dem Auto von Frankfurt nach Hause nach Mönchengladbach. Nicht ohne Stau: A3 voll, also über Koblenz. Dann Stau auf der A61, Fahrt durch Kerpen. Gegen 12:45 Uhr zu Hause.
Die Post aus dem Briefkasten zeigt schon Arbeit nach dem Urlaub: Rückfrage vom Finanzamt und dazu noch ein falscher Bescheid (Ich wusste nicht, dass mir 34 Parkplätze statt ein Parkplatz gehört – da muss ich nachhaken). Aber das sind andere Geschichten.
Riga – die Erkenntnis
Mit 60 reist es sich genauso wie mit 30. Nur mit besseren Restaurants und mehr Gelassenheit.
Außerdem: Wenn alles wie geplant funktioniert hätte, gebe es hier nichts zu erzählen.
Riga ist sauber und einen Städtetrip wert. Rund 550.000 Einwohner in einer Stadt mit etwa 1,8 Millionen Menschen in ganz Lettland. Die Stadt und die Leute wirkten auf mich immer entspannt. Es gab keinerlei Stressmomente. Kein Gedränge in Bahnen, Bussen oder am Aufzug. Erst die Leute aussteigen lassen und dann selber einsteigen. Respektvolles Miteinander ohne Ellbogen. Die Menschen ruhen in sich selbst. Kein großartiger Smalltalk, keine neuen Bekanntschaften. Das war aber auch nie das Ziel. Riga lohnt sich.
Bilder gibt es in Kürze zu sehen.
Und du?
Bist du auch jemand, der sich nicht von Plänen unter Druck setzen lässt? Oder stresst dich Reise-Chaos? Schreib mir deine Geschichte – ich freue mich auf deine Gedanken.


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