Historisches Erlebnis in 1.200 m Tiefe

Eine Einladung der besonderen Art erhielt ich von meinem langjährigen Freund Holger B. Er war im Besitz einer Einladung, zu einer Besichtigung mit fünf Personen. Da er natürlich auch dabei sein wollte, überlegte er, wie er vier Freunde mitnehmen konnte ohne zig andere Freunde zu verärgern. Er ließ das Los entscheiden und somit war ich total zufällig dabei.

Am 25.07.2018 trafen wir uns mittags im Hotel Leugermann in Ibbenbüren. Das Hotel kannte ich nicht, was auch nicht ganz so wichtig ist. Den Ort Ibbenbüren kannte ich noch weniger, gehört hatte ich mal ganz entfernt etwas davon. Holger und ich waren die Ersten von den geplanten Fünfen. Wir ließen es locker angehen und genossen es gemütlich schwitzend auf der Terrasse vor dem Hotel zu sitzen.

Nacheinander trafen Thomas, Horst und Stefan ein, dann war unser Quintett komplett.

Mit dem Taxi fuhren wir zur RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH in der Osnabrücker Straße 112 in 49477 Ibbenbüren. Genauer gesagt war unser Ziel die Zechenstraße, dort wartete Thorsten auf uns. Thorsten, ein hochqualifizierter Bergmann, machte einen kurzweiligen Einführungsvortrag zur RAG, zum Bergbau, der Kohle und dem bevorstehenden Ende der Zeche.

Eine gute Zusammenfassung, die noch lange nicht alles beschreibt, was wir zu hören bekamen gibt es auf Wikipedia.

Das Bergwerk Ibbenbüren der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH ist eines von zwei verbliebenen aktiven deutschen Steinkohlenbergwerken, neben der Zeche Prosper-Haniel. Es befindet sich im Ibbenbürener Steinkohlenrevier in der Region Tecklenburger Land auf dem Gebiet der Stadt Ibbenbüren und unter der Gemeinde Mettingen (Westfalen) in Nordrhein-Westfalen. Neben dem aktuellen Abbaugebiet unter Ibbenbüren und Mettingen zählen noch die Ortschaften Hopsten, Hörstel, Recke und Westerkappeln zu den Bergbaugemeinden.

Diese Orte sind aufgrund ihrer Wirtschaftsstruktur sehr stark vom Bergbau abhängig. Im Bergwerk Ibbenbüren wird ausschließlich Anthrazitkohle abgebaut, die als Kraftwerks- und Hausbrandkohle geeignet ist. 

Wir erhielten eine theoretische Sicherheitsunterweisung für das bevorstehende Abendteuer. Schließlich sollten wir wissen, was zu tun ist wenn die Luft knapp wird oder ein Feuer ausbricht.

Während dem Vortrag durften wir weiter immer neue Fragen stellen, die uns Thorsten geduldig beantwortete. 

Ruckzuck war, auch auf Grund unserer vielen Fragen, die erste Stunde um. Zeit zum Umziehen. Zuvor gab es ein Foto mit uns Fünf hinter einem Kohlehobel.

Gruppenbild im Freizeitdress

Wir gingen zum Werk hinüber und bekamen dort erst einmal einen kompletten Satz Klamotten. Schlüpfer, Hemd, Hose, Socken und Jacke. Dazu Stiefel, Gürtel, Heimleuchte und eine Flasche Wasser. Die Kleidung gab es bis auf das Hemd in weiß. Kohle schwarz – Kleidung weiß? Okay.

Alles was eine Batterie hat, durfte nicht mit. Kein Smartphone, keine Kamera und keine Uhr. Grundsätzlich darf man nur Ex-Geschütze Gerätschaften mit in den Berg mitnehmen. Durch Gasbildung im Berg, kann es immer eine Explosionsgefahr geben. 

Mit einem kleinem Bus fuhren wir vom Werksgelände zum Nordschacht nach Mettingen. Dort gab es ein erstes und letztes Foto, bevor es nun richtig losging.

Vorher

Es ging zum Nordschacht.

Der Nordschacht ist der Hauptseilfahrschacht des Bergwerkes Ibbenbüren. Er befindet sich südlich der Stadt Mettingen direkt am Köllbachtal. Zurzeit ist er der tiefste in Betrieb befindliche Steinkohlenschacht Europas. Diesen Titel besaß er schon einmal bis 1987; der ebenfalls Nordschacht genannte Schacht des Bergwerkes Saar hielt diesen Titel bis zum 30. Juni 2012, nachdem am 17. Juni 2005 am Standort Warndt/Luisenthal die Steinkohlenförderung eingestellt wurde. Seit diesem Tage ist der Nordschacht wieder der tiefste in Betrieb befindliche Steinkohlenschacht Europas.

1.545 m tief!

Unser Ziel sollte nicht ganz so tief. Als wir einstiegen, in den schmalen Korb mit Platz für zwölf Kumpel in einer Ebene (es gibt drei), fuhren wir in 4 Minuten „nur“ in 1.200 m in die Tiefe.

Bisher kannte ich das nur in die andere Richtung. Ibbenbüren liegt bei ca. 70m, dass heißt wir waren 1.130 m unter dem Meeresspiegel. Dies merkte man am Druck auf den Ohren.

Damit wir nicht verloren gingen, kam vorher noch Matthias dazu. Ein Bergmann seit 1985 in Ibbenbüren. Er wird, dies klang auch etwas wehmütig, mit Schließung der Zeche in den Ruhestand gehen. Matthias ist ca. ein Jahre jünger als ich.

Da waren wir nun zu siebt in 1.200 m Tiefe unterwegs. Sprachen über den Kohleabbau und über dies oder das.

Mit einer Tiefe (in der Bergsprache: Teufe) von etwa 1.600 Metern ist der Nordschacht einer der tiefsten Schächte Europas. Und obwohl noch nicht die gesamte Kohle abgebaut wurde, ist offiziell am 21.12.2018 Schluss.

Schicht im Schacht.

Und ich durfte in das tiefste Bergwerk Europas kurz vor dessen Schließung sein. 

Das Ende wurde bereits 2007 von der Bundesregierung festgelegt. 

Das mühsame Fördern aus mehr als 1000 Metern Tiefe unter hohen Sicherheitsstandards in den deutschen Bergwerken hatte sich schon seit vielen Jahren nicht mehr gelohnt. In Australien kann die Konkurrenz etwa 30 Meter dicke Flöze teils mit dem Schaufelradbagger im Tagebau gewinnen.

Gut eine Milliarde Euro Kohlesubventionen pro Jahr fielen zuletzt an, um die Preisdifferenz zum Weltmarkt auszugleichen. Auch im Ausstiegsjahr 2018 kann die Branche immerhin noch mehr als 900 Millionen öffentliches Geld in Anspruch nehmen.

So ist es nicht nur in der Westfälischen Rundschau zu lesen. 

Während unserer Anwesenheit wurde nicht mehr gearbeitet. Das war sicherlich auch für uns ganz gut so. Man kann sich nicht vorstellen, welch ein Lärm dort unter der Erde herrscht, wenn die Hobel die Kohle produzieren oder andere Maschinen im Vollbetrieb laufen. Sei es um neue Sprenglöcher zu bohren oder Gestein zu bewegen, etc.

Die ganzen gewonnen Informationen kann ich gar nicht wiedergeben, sicherlich müsste ich noch ein paarmal in so ein Bergwerk, um alles wiedergeben und verstehen zu können.

Ich fasse mal Punkte zusammen, die mich einfach faszinierten.

Es ist Untertage gar nicht so dunkel und eng. Große Stollen mit sieben Meter Deckenhöhe und viel Licht sorgen für ein angenehme Arbeitsumgebung. Das Wetter wird durch Schächte und Steuerung der Luftströme unter Tage gemacht. Es war letztendlich angenehm, weder zu kalt noch zu warm. 1.200m über uns waren es fast 30° Grad im Tageslicht. 

Kohle ist gar nicht so schmutzig. Einmal gewaschen oder abgerieben, gibt es kaum noch Schmutz. Der hauptsächliche Schmutz und Staub kommt vom Berggestein.

Der Berg drückt in alle Richtungen. Man kann es sich als Laie kaum vorstellen, doch unter Tage herrschen enorme Drücke und Kräfte auf das Gestein und die Kohle. Daher wird auch der Boden so belassen wie er ist. Der Rest, von der Wand bis zur Decke, erinnert an den Tunnelbau.

Im Bergwerk gibt es keine Diesel- oder Benzinbetriebene Maschinen. Alles elektrisch. Anstelle einer Bahn auf Schienen im Berg, gibt es in Ibbenbüren eine Akku betriebene  Schwebebahn. Diese ist an der Decke befestigt und funktioniert vom Prinzip her ähnlich wie die Schwebebahn in Wuppertal.

Alle Maschinen, egal wie schwer oder groß, werden in Einzelteilen im Förderschacht herunter transportiert und unter Tage zusammengebaut. Und so Maschinen wiegen schon einige Tonnen. Zum Beispiel die Bohrmaschine mit zwei Steuerständen zum Bohren der Sprenglöcher oder Seitenlader. Da sind ganz schnell 20-40 Tonnen Gewicht bei einer Maschine zu ermitteln.

Kohle wird abgehobelt und nicht mit Hammer oder Meissel abgebaut. Aktueller Stand ist der Schildausbau, bei dem Strebe von mehreren 100 m Länge von nur wenigen Bergleute gesteuert werden. Die Schilde wandern mit dem Abbau im Flöz. Das früher übliche Wegenetz („Strecken“) in den Abbaubereichen ist nicht mehr nötig. Es findet auch kein Versatz statt. Gewonnen wird die Kohle mit Hobelverfahren. Hinter der Abbaufront bricht das Gebirge zusammen („Bruchbau“). Da die Abbaubetriebe durch die Nordwanderung der Bergbaus inzwischen über 1000 m tief liegen und oberflächlich relativ dünn besiedelte Gebiete sind die Bergsenkungen geringer und liegen im Dezimeterbereich. Beim Abbau in den südlicheren Bereichen traten Extremfälle mit über 20 m Absenkung auf.

Als Schildausbau wird ein hydraulisches System zum Strebausbau im untertägigen Steinkohlenbergbau bezeichnet. Der Schildausbau stützt im Strebbau die Abbaustelle gegen den Druck des andernfalls einbrechenden Hangenden und bewegt einen integrierten Kettenförderer mit einem darauf arbeitenden Kohlenhobel im schreitenden Abbau durch geeignete Kohlenflöze.

Ist die Kohle abgebaut, bricht hinter den Schildern der Berg ein. Der Bereich in dem Kohle abgebaut wurde nennt man „Alten Mann“, der dann letztendlich verschüttet.

Mit Ende der Kohle, werden die Bergwerksstollen komplett entkernt und alles Material, egal ob Maschine, Kabel, Leitung oder Werkzeug, wieder zu Tage gefördert und nicht dem Berg überlassen. 

Mit dem Aus für die letzten Zechen wird die Arbeit unter Tage noch lange nicht vorbei sein: Tief unter dem Ruhrgebiet und in oberflächennahen Senken, die durch den Abbau entstanden sind, muss dauerhaft Wasser in riesigen Mengen abgepumpt werden, damit das Grundwasser geschützt wird und die Region nicht versinkt. Ohne regelmäßiges Pumpen läge etwa der Essener Hauptbahnhof zwölf Meter tief unter Wasser. Die Kosten dafür – nach derzeitiger Schätzung rund 220 Millionen Euro jährlich – trägt die RAG-Stiftung aus Kapital- und Dividendenerträgen. Für die Bergschäden kommt die RAG aus ihren Rückstellungen auch in Zukunft auf.

Kennzahlen Ibbenbüren:
Mitarbeiter 890
Jahresförderung 730.000 t
Größte Teufe 1.600 m
Grubenfeld 92 qkm
Streckennetz 52 km
Stand 06.2018

Im Vergleich dazu der Tagebau Garzweiler. 

 

 

Abbautechnik Tagebau auf 30,96 km²
Abraum pro Jahr 175–225 Mio. t
Förderung/Jahr 35–40 Mio. t
Mitarbeiter 1.725
Größte Teufe 250 m

Der Ursprung des Tagebaues geht auf das Jahr 1960 zurück, für den Tagebau mussten bis heute siebzehn Ortschaften weichen. Weitere fünf sollen noch folgen. Dies jedoch nur am Rande.

Nachdem wir uns umgeschaut hatten, ging es in einen Flöz und wir saßen auf den Schilden und konnten uns anschauen, wo Kohle aus dem Berg gehobelt wurde. Die Technik machte auch einem Laien klar, wieviel Energie zum Abbau von Kohle benötigt wird. Alleine die Ketten der Förderbänder hebt man mal nicht so eben an. Ein Kettenglied kann man nicht nur als Türstopper verwenden.

Ein Großteil der Kohle wird in das Kraftwerk Ibbenbüren gebracht. Das Kraftwerk Ibbenbüren, ehemals mit dem Zusatz Block B, ist ein deutsches Steinkohlekraftwerk.  Das 848 Megawatt Kraftwerk mit seinem 275 Meter hohen Kamin ging am 19. Juni 1985 in Betrieb. Es wird auch nach der Schließung der Zeche im Betrieb bleiben. Mit dem Unterschied, dass die Kohle dann aus dem Ausland kommt.

Rasend verging die Zeit und wir fuhren wieder ans Tageslicht.

Bevor wir uns stärkten, gab es natürlich noch ein Gruppenfoto.

Nachher

Wir ging zurück und fuhren mit dem Bus wieder nach Ibbenbüren. Wir liefen einen langen Gang, bei dem das nachfolgende Foto entstand. So wird wohl die letzte Schicht in Ibbenbüren auch aussehen. 

Die letzte Schicht

Für uns war es die letzte Schicht. Wir werden mit großer Wahrscheinlichkeit kein Bergwerk mehr in Deutschland besuchen.

Leckere Suppe und belegte Brote

Nachdem wir uns gestärkt hatten, ging es unter die Dusche und zur Kleiderrückgabe.

Wäsche für die Wäsche

Dann hieß es Abschied nehmen und Tschüss sagen. Erst im Nachgang wird es einem tatsächlich bewusst, was wir da erlebt haben. Es war ein Stück Geschichte, die nun zu Ende geht und wir durften ein Teil davon sein.

Ein ganz dickes Dankeschön an Holger. Danke, das Du meinen Namen gezogen hast.

Dankeschön an Thorsten und Matthias, für diese persönliche und sehr spannenden Führung und Begleitung. Euch für die Zukunft alles Gute. Glück auf!

Alle Fotos zu dem Ausflug:

Hätte ich eine Kamera mit in das Bergwerk nehmen dürfen, hätte die Zeit wohl nicht gereicht. Es gab so viele faszinierende und spannende Motive, die ich gerne fotografiert hätte. So bleiben Sie nun in meiner Erinnerung.